Serie: Nichts ist, wie es scheint
Anfang der 1950er Jahre gab es in Großbritannien noch mindestens dreißig bekannte Kolonien eines seltenen Schmetterlings. Seine Flügel waren blau, mit dunklen Flecken und einem breiten schwarzen Rand. In Großbritannien hieß er Large Blue, heute wird er wissenschaftlich meist Phengaris arion genannt. Im Deutschen kennt man ihn als Thymian- oder Quendel-Ameisenbläuling.
Er war nie besonders häufig gewesen. Die britischen Vorkommen konzentrierten sich vor allem auf bestimmte Gebiete im Südwesten Englands. Doch nun gingen die Bestände in einem Tempo zurück, das auch erfahrene Naturschützer beunruhigte.
Dabei hatte man sich schon seit Jahrzehnten um den Falter gekümmert. Bereits 1962 war ein gemeinsamer Ausschuss eigens zu seinem Schutz gegründet worden. Ehrenamtliche und professionelle Naturschützer suchten nach verbliebenen Kolonien, bemühten sich um die Erhaltung ihrer Standorte und versuchten, die Tiere vor übermäßigem Sammeln zu bewahren.
Wo Wiesen umgepflügt, aufgeforstet oder bebaut wurden, ließ sich der Verlust eines Lebensraums erklären. Schwieriger waren jene Fälle, in denen das Gelände weitgehend erhalten geblieben war. Selbst auf Naturschutzflächen verschwanden die Schmetterlinge.
Der Thymian, an dessen Blüten die Weibchen ihre Eier ablegten, wuchs vielerorts weiterhin. Auch die Ameisen, mit denen die Entwicklung der Raupen verbunden war, kamen noch vor. Nach dem damaligen Wissensstand waren damit wesentliche Voraussetzungen für das Überleben des Falters vorhanden.
Trotzdem schrumpfte seine Verbreitung. Mitte der 1960er Jahre waren nur noch vier britische Kolonien bekannt. Drei davon verschwanden bis 1973.
Ein ungewöhnlicher Lebenslauf
Schon lange vor dieser Krise hatte der Thymian-Ameisenbläuling Entomologen Rätsel aufgegeben.
Sammler und Naturforscher des 19. Jahrhunderts konnten zwar Eier finden und die jungen Raupen beobachten. Doch bei Versuchen, sie aufzuziehen, starben die Tiere regelmäßig nach ungefähr drei Wochen. Offenbar fehlte ihnen eine Bedingung, die sich aus der Beobachtung ihrer Nahrungspflanzen nicht erschloss.
Erst Anfang des 20. Jahrhunderts fanden die Schmetterlingsforscher Chapman, Frohawk und Purefoy entscheidende Hinweise auf den weiteren Lebenslauf.
Die Raupen verbrachten nur ihre erste Entwicklungszeit auf den Blüten des Thymians. Danach verließen sie die Pflanzen und gelangten auf den Boden, wo sie von Knotenameisen der Gattung Myrmica aufgenommen und in deren unterirdische Nester getragen wurden.
Dort lebten die Raupen über viele Monate.
Sie hatten ihre Ernährung grundlegend verändert. Statt Pflanzengewebe zu fressen, ernährten sie sich nun von der Brut der Ameisen. Die erwachsenen Ameisen duldeten die fremden Raupen in ihren Nestern, obwohl diese ihren Nachwuchs verzehrten. Erst im folgenden Jahr verpuppten sich die Raupen, und die fertigen Schmetterlinge verließen das Ameisennest.
Dass ein so auffälliger Falter den größten Teil seiner Entwicklung unter der Erde verbrachte, erklärte, weshalb frühere Aufzuchtversuche gescheitert waren.
Als die britischen Bestände Jahrzehnte später zusammenbrachen, war diese ungewöhnliche Lebensweise bereits bekannt. Man wusste, dass der Schmetterling Thymian und geeignete Ameisen benötigte. Warum beides an manchen Standorten vorhanden zu sein schien und trotzdem keine neuen Falter mehr heranwuchsen, blieb jedoch unklar.
Mehr als tausend Eier
1972 begann der junge Ökologe Jeremy Thomas, die letzten britischen Vorkommen systematisch zu untersuchen. Er arbeitete im Auftrag der damaligen Nature Conservancy und setzte seine Forschung anschließend am Institute of Terrestrial Ecology fort.
In den folgenden sechs Sommern beobachtete er auf Dartmoor die Entwicklung des Falters. Er untersuchte Eiablageplätze, Nahrungspflanzen und Ameisennester, verglich verschiedene Standorte und verfolgte das Schicksal von mehr als 1.300 Schmetterlingseiern.
Dabei zeigte sich, dass ein großer Teil der Verluste in der Phase auftrat, in der sich die Raupen bereits in Ameisennestern befanden.
Thomas untersuchte deshalb genauer, welche Ameisen auf den ehemaligen und noch besiedelten Schmetterlingsflächen lebten. Auf Dartmoor fand er vier verschiedene Arten der Gattung Myrmica. Sie sahen einander ähnlich und konnten die Raupen aufnehmen.
Für den Fortbestand des Falters waren sie jedoch keineswegs gleichwertig.
In den untersuchten britischen Populationen überlebten die Raupen vor allem in den Nestern einer Art erfolgreich: Myrmica sabuleti.
In Nestern anderer Knotenameisen, insbesondere von Myrmica scabrinodis, waren ihre Überlebenschancen so gering, dass eine Schmetterlingspopulation dort auf Dauer kaum bestehen konnte.
Damit erhielt die scheinbar beruhigende Feststellung, auf einer Wiese gebe es noch ausreichend Ameisen, eine völlig andere Bedeutung. Entscheidend war, welche Ameisen dort lebten.
Doch weshalb verschwanden ausgerechnet die geeigneten Ameisen?
Der Unterschied zwischen zwei Wiesen
Thomas verglich die Bedingungen, unter denen die verschiedenen Knotenameisenarten vorkamen. Besonders aufschlussreich war die Vegetation unmittelbar über dem Boden.
Myrmica sabuleti bevorzugte in den damaligen britischen Untersuchungsgebieten sehr warme Bodenverhältnisse. Solche Bedingungen herrschten vor allem dort, wo die Grasnarbe durch Beweidung ausgesprochen kurz gehalten wurde.
Bereits geringfügig höheres Gras konnte den Boden stärker beschatten und seine Temperatur verändern. Andere Knotenameisen kamen mit diesen Verhältnissen besser zurecht.
Wenn eine Weide weniger intensiv genutzt wurde, konnte sich deshalb die Zusammensetzung der Ameisengemeinschaft verschieben. Eine Fläche, auf der zuvor viele Nester von Myrmica sabuleti vorhanden gewesen waren, wurde zunehmend von anderen Arten besiedelt.
Für einen Menschen, der nach Thymianpflanzen und Ameisen Ausschau hielt, musste sich dabei zunächst wenig verändern.
Der Thymian konnte auch in etwas höherer Vegetation noch gut gedeihen. Ameisen waren weiterhin vorhanden. Doch ausgerechnet diejenige Art, in deren Nestern die meisten Raupen erfolgreich heranwuchsen, war selten geworden oder fehlte inzwischen ganz.
Die Forscher gingen daraufhin der Frage nach, weshalb sich die Vegetation an so vielen Standorten verändert hatte.
Eine wesentliche Ursache lag in der Landwirtschaft. Auf wenig ertragreichen Flächen lohnte sich intensive Beweidung zunehmend weniger. Vielerorts wurde sie reduziert oder ganz aufgegeben.
Hinzu kam die Myxomatose, eine Viruserkrankung, die in den 1950er Jahren die britischen Wildkaninchenbestände stark dezimierte. Kaninchen hatten zuvor zahlreiche Grasflächen kurz gehalten. Als sie verschwanden, wuchs die Vegetation vielerorts höher.
Beide Entwicklungen begünstigten Veränderungen der Ameisengemeinschaften.
Bei der Überprüfung früherer Schmetterlingsstandorte stellte Thomas fest, dass auf zahlreichen Flächen die notwendigen hohen Dichten von Myrmica sabuleti nicht mehr vorhanden waren. Einige Standorte waren noch beweidet und besaßen reichlich Thymian, doch die dort verbreiteten Ameisen waren für die Schmetterlingsraupen kaum geeignet.
Die Naturschützer hatten die Lebensräume des Falters teilweise vor der Zerstörung bewahrt. Zugleich hatten sie eine Veränderung übersehen, die sich wenige Zentimeter über dem Boden abspielte.
Warum auch die letzte Kolonie verschwand
Als Thomas und seine Kollegen den Zusammenhang verstanden hatten, gab es in Großbritannien nur noch eine bekannte Kolonie. Ihr Lebensraum befand sich nach den damaligen Untersuchungen sogar in einem geeigneten Zustand.
Das ist eine wichtige Besonderheit der Geschichte. Der endgültige Verlust des britischen Bestands lässt sich nicht einfach damit erklären, dass überall das Gras zu hoch geworden war.
Die letzte Kolonie hatte von 1964 bis 1973 zunächst deutlich zugenommen. Ihre nutzbare Fläche war jedoch sehr klein. Als der Bestand zu groß wurde, gelangten zu viele Raupen in einzelne Ameisennester.
Nach Thomas' Untersuchungen konnte ein solches Nest normalerweise nur eine einzelne Raupe ausreichend ernähren. Bei besonders starker Überbelegung starben mitunter sämtliche Raupen eines Nestes.
1974 sank der Bestand von ungefähr 300 auf etwa 100 erwachsene Falter. Anschließend verschärften schwere Dürrejahre 1975 und 1976 die Lage.
1977 schlüpften nur noch ungefähr sechzehn erwachsene Schmetterlinge.
Die Naturschützer versuchten inzwischen, die verfügbare Fläche zu vergrößern und die verbleibenden Tiere durch kontrollierte Aufzucht zu unterstützen. 1978 erschienen nur fünf erwachsene Falter. Die beteiligten Forscher hielten diese Tiere zeitweise in Gefangenschaft, um die Fortpflanzung zu ermöglichen.
Im folgenden Jahr schlüpften immerhin 22 Tiere. Doch nach Thomas' zeitgenössischem Bericht gelang keine erfolgreiche Paarung mehr. Es wurden lediglich wenige unbefruchtete Eier abgelegt.
1979 galt der Thymian-Ameisenbläuling in Großbritannien als ausgestorben.
Die Forschungen hatten den wesentlichen Grund für den jahrzehntelangen Rückgang aufgeklärt. Für die Rettung der letzten einheimischen Kolonie kamen die Erkenntnisse zu spät.
Die Rückkehr aus Schweden
Die Wissenschaftler verfügten nun allerdings über ein Wissen, das zuvor gefehlt hatte. Sie konnten Standorte nicht nur danach beurteilen, ob dort Thymian wuchs, sondern auch danach, ob ausreichend geeignete Ameisennester vorhanden waren.
Auf ehemaligen Schmetterlingsflächen wurden Gehölze entfernt und Beweidungsprogramme eingerichtet. Die Vegetation sollte so gepflegt werden, dass sich die für die Raupen geeigneten Knotenameisen wieder ausbreiteten.
Versuche auf Dartmoor zeigten, dass die Zahl geeigneter Ameisennester unter solchen Bedingungen zunehmen konnte.
Eine Wiederansiedlung erforderte aber auch Schmetterlinge. Da die ursprünglichen britischen Bestände verschwunden waren, suchten die Forscher nach einer geeigneten Population auf dem europäischen Festland.
Sie fanden sie auf der schwedischen Insel Öland.
Die schwedischen Naturschutzbehörden gestatteten die Entnahme von Tieren für Versuche und spätere Wiederansiedlungen. In den frühen 1980er Jahren wurden die ersten Raupen in vorbereitete britische Lebensräume gebracht. Nach weiteren Aussetzungen flogen Mitte der 1980er Jahre wieder Thymian-Ameisenbläulinge in Südwestengland.
Die weitere Entwicklung verlief keineswegs überall erfolgreich. Manche Ansiedlungen scheiterten. Andere Populationen blieben klein. Für dauerhaft tragfähige Bestände mussten geeignete Ameisennester, Nahrungspflanzen und klimatische Bedingungen über ausreichend große Flächen zusammenkommen.
Doch dort, wo die Forscher die entscheidenden Voraussetzungen wiederherstellten, gelang es dem Schmetterling, sich dauerhaft zu etablieren.
2009 veröffentlichten Jeremy Thomas, David Simcox und Ralph Clarke in der Fachzeitschrift Science eine umfassende Auswertung der Schutzmaßnahmen. Die Forscher untersuchten die Entwicklung von Schmetterlingen und Ameisen an 78 Standorten.
Die Ergebnisse bestätigten, dass sich die Erholung der Populationen anhand ihrer ökologischen Voraussetzungen erklären und in wesentlichen Teilen vorhersagen ließ.
Das Wiederansiedlungsprogramm wurde in den folgenden Jahren weiter ausgebaut. Einige der neuen britischen Populationen gehören inzwischen zu den bedeutenden Vorkommen der Art.
Eine Erkenntnis mit Grenzen
Spätere Untersuchungen haben das Bild noch weiter differenziert.
Die enge Abhängigkeit von Myrmica sabuleti ist für die historischen britischen Populationen hervorragend dokumentiert. Sie gilt aber nicht als ausnahmslose Regel für das gesamte Verbreitungsgebiet des Schmetterlings.
Eine 2019 veröffentlichte europäische Untersuchung zeigte, dass unterschiedliche Populationen auch andere Knotenameisenarten nutzen können. Die Wirtsbeziehungen variieren geografisch, und einzelne Raupen können selbst bei weniger geeigneten Arten überleben. Für die britischen Bestände und viele weitere europäische Populationen bleibt Myrmica sabuleti allerdings die mit Abstand wichtigste Wirtsameise.
Auch die ideale Vegetationshöhe ist kein überall gleicher Zentimeterwert. Sie hängt unter anderem vom örtlichen Klima, vom Gelände und von den Bedingungen für Ameisen und Nahrungspflanzen ab. In späteren britischen Untersuchungen veränderten sich geeignete Mikrohabitate unter wärmeren klimatischen Verhältnissen.
Der Wiederansiedlungserfolg in Großbritannien bedeutet außerdem nicht, dass die Art europaweit ungefährdet wäre. Die 2025 veröffentlichte europäische Bewertung der International Union for Conservation of Nature stuft sie weiterhin als potenziell gefährdet (Near Threatened) ein.
In Großbritannien wird der Thymian-Ameisenbläuling heute auf Grundlage eines detaillierten Wissens über seinen Lebenszyklus geschützt. Seine Standorte werden beweidet, kontrolliert und über lange Zeiträume gepflegt. Die Aufmerksamkeit gilt dabei ebenso den unscheinbaren Ameisennestern im Boden wie den blauen Faltern, die im Sommer über den Blüten fliegen.
Die britische Population des Schmetterlings war verloren gegangen. Was Thomas und seine Kollegen aus ihrem Zusammenbruch herausfanden, machte es möglich, sie mit Tieren aus Schweden neu aufzubauen.
Die besondere Bedeutung von Myrmica sabuleti ist für die historischen britischen Populationen belegt. Wirtsameisen und geeignete Vegetationshöhen unterscheiden sich regional. Der langfristige Rückgang und das Ende der letzten britischen Kolonie hatten unterschiedliche Ursachen. Der britische Wiederansiedlungserfolg ist keine Aussage über die Gefährdung der Art in ganz Europa.
Datenstand: Historische Rekonstruktion; europäische IUCN-Bewertung 2025 (Bewertungsjahr 2023). Quellenabgleich: 22.10.2026.
