Serie: Nichts ist, wie es scheint
Vor den 1970er Jahren gab es in Nicaragua kaum Gelegenheiten, bei denen größere Gruppen gehörloser Menschen regelmäßig miteinander kommunizieren konnten. Viele gehörlose Kinder wuchsen in hörenden Familien auf, ohne Zugang zu einer etablierten Gebärdensprache.
Das bedeutete nicht, dass sie sprachlos waren.
Kinder in einer solchen Situation entwickeln häufig eigene Gestensysteme, sogenannte Homesigns. Bestimmte Handbewegungen stehen wiederkehrend für Menschen, Gegenstände oder Handlungen. Gesten können miteinander kombiniert werden; manche Homesign-Systeme weisen bereits Eigenschaften auf, die man auch in natürlichen Sprachen findet.
Doch ihnen fehlt etwas Entscheidendes: eine größere Gemeinschaft, in der dieselben Zeichen von vielen Menschen übernommen, verändert und an neue Lernende weitergegeben werden. (PubMed Central (PMC))
In Nicaragua änderte sich diese soziale Situation in den 1970er und frühen 1980er Jahren. Neue schulische Angebote brachten erstmals größere Gruppen gehörloser Kinder und Jugendlicher regelmäßig zusammen. Der Unterricht zielte vor allem auf gesprochenes Spanisch, Lippenlesen und Artikulation; eine etablierte Gebärdensprache wurde ihnen dort nicht als gemeinsames Sprachsystem vermittelt.
Außerhalb des eigentlichen Unterrichts mussten die Schüler trotzdem miteinander reden.
Sie brachten Gesten aus ihren Familien mit, griffen Gesten anderer auf, wiederholten sie und passten sie an. Was zuvor nur in einzelnen Haushalten funktioniert hatte, wurde nun von vielen Menschen benutzt.
Allmählich entstand ein gemeinsames System.
Heute ist es als Nicaraguan Sign Language, häufig NSL oder auf Spanisch Lengua de Señas Nicaragüense, bekannt. Für Sprachwissenschaftler besitzt seine Geschichte eine seltene Eigenschaft: Seine frühen Benutzer lebten noch, als die Sprache wissenschaftlich untersucht wurde. Forscher konnten Menschen vergleichen, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten in dieselbe entstehende Sprachgemeinschaft gekommen waren. (PubMed Central (PMC))
Normalerweise lässt sich die Geburt einer Sprache nicht beobachten.
Deutsch, Spanisch oder Japanisch haben keine bekannte erste Generation von Sprechern. Ihre älteren Entwicklungsstufen müssen aus Texten, Lautverschiebungen und verwandten Sprachen rekonstruiert werden. Veränderungen verteilen sich über Jahrhunderte.
In Nicaragua lagen verschiedene Entwicklungsstadien gewissermaßen gleichzeitig vor.
Forscher sprechen dabei von Kohorten. Gemeint sind keine biologischen Generationen von Eltern und Kindern, sondern Gruppen gehörloser Menschen, die zu unterschiedlichen Zeiten als Kinder in die entstehende Sprachgemeinschaft eintraten. Die erste Kohorte hatte an der frühen gemeinsamen Verständigungsform selbst mitgewirkt. Spätere Kinder trafen bereits auf ein vorhandenes System, das sie lernen konnten.
Und sie übernahmen es nicht einfach unverändert.
Eine der entscheidenden Untersuchungen stammt von Ann Senghas und Marie Coppola. Sie verglichen, wie Angehörige verschiedener Kohorten den Raum vor ihrem Körper beim Gebärden nutzten.
In vielen etablierten Gebärdensprachen besitzt dieser Raum grammatische Funktionen. Ein Gebärdender kann beispielsweise eine Person an einer bestimmten Position im Gebärdenraum verorten und eine zweite Person an einer anderen. Eine gerichtete Bewegung kann anschließend markieren, wer wem etwas gibt, wer wen schlägt oder wer sich auf wen bezieht.
Bei den frühen nicaraguanischen Gebärdenden war diese Nutzung noch vergleichsweise uneinheitlich. Bei späteren Kohorten wurde sie systematischer.
Besonders aufschlussreich war das Alter, in dem Menschen der Sprachgemeinschaft beitraten. Die Veränderungen ließen sich vor allem auf diejenigen zurückführen, die das entstehende System als Kinder – insbesondere im Alter bis etwa zehn Jahre – erworben hatten. Erwachsene, die später hinzukamen, zeigten dieselbe Umgestaltung weit weniger. (PubMed)
Die Kinder lernten also nicht nur ein System, das andere geschaffen hatten.
Indem sie es lernten, veränderten sie es.
Noch deutlicher wurde das in einer 2004 in Science veröffentlichten Studie. Senghas, Sotaro Kita und Aslı Özyürek zeigten gehörlosen Nicaraguanern kurze Bewegungsereignisse und ließen sie beschreiben.
Stellen wir uns eine Figur vor, die sich rollend einen Hang hinabbewegt.
Das Ereignis enthält mindestens zwei unterscheidbare Informationen: wie sich etwas bewegt – rollend – und wohin es sich bewegt – hinab.
Für einen Betrachter lässt sich beides leicht in einer einzigen kontinuierlichen Geste darstellen: eine Handbewegung, die gleichzeitig rollt und nach unten wandert.
Genau solche gebündelten Gesten verwenden hörende Menschen häufig, wenn sie beim Sprechen Bewegungen darstellen.
In der jungen nicaraguanischen Gebärdensprache geschah zunehmend etwas anderes.
Die Gebärdenden zerlegten das Ereignis in Bestandteile. Bewegungsart und Bewegungsweg konnten getrennt dargestellt und hintereinander angeordnet werden. Spätere Kohorten verwendeten diese Zerlegung noch systematischer. (PubMed)
Das klingt zunächst umständlicher. Warum zwei Elemente benutzen, wenn eine einzige Bewegung das ganze Ereignis zeigen kann?
Weil sich getrennte Bestandteile kombinieren lassen.
Wer „rollen“ und „hinab“ als voneinander unterscheidbare Elemente behandelt, kann „rollen“ später mit einer anderen Richtung verbinden und „hinab“ mit einer anderen Bewegungsart. Aus wenigen Einheiten lässt sich eine große Zahl neuer Aussagen bilden.
Das ist eine der grundlegenden Eigenschaften menschlicher Sprache. Sie bildet die Welt nicht jedes Mal als unteilbares Gesamtbild ab. Sie zerlegt Informationen in Einheiten, die sich wiederverwenden und neu zusammensetzen lassen.
In Nicaragua ließ sich beobachten, wie eine solche Struktur innerhalb weniger Jahrzehnte deutlicher wurde.
Auch andere Bereiche entwickelten sich nicht alle gleichzeitig. Schon die frühen Gebärdenden verfügten über einen stabileren gemeinsamen Wortschatz und Möglichkeiten, über mehr als unmittelbar sichtbare Dinge zu kommunizieren. In späteren Kohorten wurden verschiedene grammatische Verfahren regelmäßiger – darunter bestimmte räumliche Markierungen und später auch komplexere Ausdrucksmöglichkeiten für Perspektive und zeitliche Beziehungen. (PubMed Central (PMC))
Gerade deshalb wäre es falsch, die Geschichte so zu erzählen, als hätten einige Kinder eines Tages eine vollständige Sprache erfunden.
Die erste Gruppe bestand zudem nicht ausschließlich aus kleinen Kindern. In den frühen Phasen waren Kinder, Jugendliche und später Erwachsene an der entstehenden Gemeinschaft beteiligt. Die Ausgangsmaterialien waren ebenfalls nicht bedeutungslos: Homesigns und andere Gesten brachten bereits Struktur mit.
Die bemerkenswerte Beobachtung liegt an einer anderen Stelle.
Als ein individuelles Kommunikationsmittel zu einem gemeinschaftlichen wurde und anschließend immer neue Kinder dieses System erwarben, blieb es nicht stehen. Wiederkehrende Formen wurden konventioneller, Unterschiede regelmäßiger und bestimmte grammatische Möglichkeiten systematischer. (PubMed Central (PMC))
Damit bot Nicaragua der Sprachwissenschaft etwas, das sich experimentell kaum herstellen ließe.
Man kann Kindern aus ethischen Gründen nicht die Sprache vorenthalten, um zu sehen, ob sie selbst eine entwickeln. Hier waren die historischen Bedingungen bereits vorhanden. Die Forschung konnte lediglich beobachten, was eine Gemeinschaft gehörloser Menschen aus dieser Situation machte.
Und der Fall berührt eine der ältesten Fragen der Linguistik: Wie viel sprachliche Struktur kommt aus dem Material, das ein Kind hört oder sieht, und wie viel entsteht durch die Art, wie das menschliche Gehirn dieses Material verarbeitet?
Die nicaraguanische Gebärdensprache liefert darauf keine einfache Antwort.
Homesign zeigt, dass einzelne Menschen ohne konventionelles Sprachmodell bereits erstaunliche Strukturen hervorbringen können. Die erste Gemeinschaft zeigt, was geschieht, wenn solche Systeme miteinander in Kontakt kommen. Die späteren Kohorten zeigen wiederum, dass gemeinsame Sprache durch das Lernen neuer Kinder weiter reorganisiert werden kann.
Susan Goldin-Meadow beschrieb diese Situation deshalb als Gelegenheit, die Linse auf den Spracherwerb zu erweitern: Nicht nur das Lernen einer vorhandenen Sprache wird sichtbar, sondern ein Teil des Prozesses, durch den sprachliche Struktur überhaupt entstehen und über Lernende hinweg verändert werden kann. (PubMed Central (PMC))
Dabei sollte man die Menschen hinter diesem außergewöhnlichen Forschungsfall nicht zu Teilnehmern eines natürlichen Experiments reduzieren. Die Sprache entstand nicht, weil Linguisten sie benötigten.
Sie entstand, weil Menschen miteinander kommunizieren wollten.
Die Schüler mussten erzählen, fragen, widersprechen, sich verabreden und über Dinge sprechen, die gerade nicht vor ihnen lagen. Eine Gemeinschaft brauchte eine gemeinsame Sprache, und mit jeder neuen Gruppe von Kindern wurde das vorhandene System erneut gelernt.
Gerade dieser gewöhnliche Vorgang hatte außergewöhnliche Folgen.
Normalerweise begegnet ein Kind einer Sprache, deren grundlegende Strukturen schon seit vielen Generationen existieren. Die nicaraguanischen Kinder begegneten einem System, das selbst noch jung und veränderlich war.
So konnten Sprachwissenschaftler etwas beobachten, das sonst weitgehend in der Vorgeschichte verschwindet: nicht den Augenblick, in dem „Sprache“ plötzlich entstand, sondern den viel interessanteren Prozess, in dem gemeinsame Gesten über mehrere Kohorten hinweg immer stärker zu einer Sprache wurden.
