Serie: Nichts ist, wie es scheint
In der Nacht zum 28. Januar 1700 nach heutiger japanischer Datierung verhielt sich das Meer an mehreren Orten der japanischen Pazifikküste auf beunruhigende Weise. Wasser drang in Dörfer und Felder ein, beschädigte Gebäude und Salzöfen, setzte Reisfelder unter Wasser und brachte Schiffe in Gefahr. Menschen flohen auf höheres Gelände.
Solche Wellen waren in Japan nichts Unbekanntes. Ungewöhnlich war, was ihnen vorausgegangen war: kein starkes Erdbeben.
Ein Dorfvorsteher hielt ausdrücklich fest, dass es keine Erschütterung gegeben hatte, die vor den Wellen hätte warnen können. Andere Aufzeichnungen von Beamten, Kaufleuten und Dorfbewohnern dokumentierten Schäden und ungewöhnliche Wasserbewegungen. Über die Jahrhunderte geriet das Ereignis nicht völlig in Vergessenheit. Historiker, die alte japanische Berichte über Erdbeben und Tsunamis sammelten, stießen immer wieder darauf. Anfang der 1990er Jahre galt es als Japans am besten dokumentierter Tsunami unbekannter Herkunft. (USGS Pubs)
Später bekam er einen Namen: orphan tsunami, Waisen-Tsunami. Die Welle war überliefert. Ihr auslösendes Erdbeben fehlte.
Tausende Kilometer weiter östlich beschäftigte Geologen ein anderes Rätsel.
An der Pazifikküste Nordamerikas, von Vancouver Island über Washington und Oregon bis nach Nordkalifornien, schiebt sich die Juan-de-Fuca-Platte unter Nordamerika. Heute kennt man diese Plattengrenze als Cascadia-Subduktionszone. Dort können sich die Platten über lange Zeit verhaken, Spannung aufbauen und schließlich in sehr großen sogenannten Megathrust-Erdbeben gegeneinander verschieben.
Doch im historischen Gedächtnis der europäischen Besiedlung des pazifischen Nordwestens fehlte ein solches Beben. Noch im 20. Jahrhundert war deshalb umstritten, ob Cascadia überhaupt Erdbeben von der Größenordnung hervorbringen konnte, wie man sie aus Alaska, Chile oder Japan kannte. (USGS)
Die Küstenlandschaft erzählte eine andere Geschichte.
In den 1980er und 1990er Jahren untersuchten Geologen Flussmündungen, Marschen und Buchten entlang der Küste. Unter heutigen Gezeitensedimenten fanden sie alte Böden, auf denen einst Pflanzen gewachsen waren. Diese Böden endeten abrupt. Darüber lag Schlamm, wie er sich in einem Bereich absetzt, der regelmäßig von den Gezeiten erreicht wird.
An manchen Stellen lag dazwischen eine dünne Sandschicht.
Die einfachste Erklärung war beunruhigend: Ein zuvor höher gelegener Küstenstreifen war innerhalb kurzer Zeit abgesunken. Meerwasser war über das Land gelaufen und hatte Sand mitgebracht. Was zuvor Wald oder Marsch gewesen war, geriet anschließend in den Gezeitenbereich. Solche Kombinationen aus abgesunkenen Böden und Tsunamiablagerungen fanden sich an vielen Orten entlang der Cascadia-Küste. (USGS Pubs)
Besonders auffällig waren die toten Wälder.
Am Copalis River im heutigen Bundesstaat Washington stehen bis heute verwitterte Stämme westlicher Rotzedern in einer Salzmarsch. Andere ehemalige Wälder sind nur noch als Stümpfe und Wurzeln unter jüngeren Ablagerungen erhalten. Die Bäume waren dort gewachsen, als ihre Wurzeln noch außerhalb des täglichen Salzwassers lagen. Dann sank das Land, das Meer erreichte sie, und die Wälder starben.
USGS-Untersuchungen kommen für Teile der Küste auf eine Absenkung von etwa einem Meter oder mehr. Das geschah geologisch gesehen nicht langsam, sondern während eines Erdbebens. (USGS)
Das ließ sich datieren, zunächst allerdings nur grob.
Radiokohlenstoffmessungen deuteten auf ein Ereignis um 1700. Für eine Verbindung mit dem rätselhaften japanischen Tsunami reichte das noch nicht. Ein Küstenbeben irgendwann innerhalb einiger Jahrzehnte und eine Welle an einem bestimmten Januartag konnten ebenso gut unabhängig voneinander gewesen sein.
Dann kamen die Baumringe.
David Yamaguchi, Brian Atwater und ihre Kollegen untersuchten Rotzedern, deren äußere Ringe trotz der jahrhundertelangen Verwitterung erhalten geblieben waren. Bei sechs von sieben geeigneten abgestorbenen Bäumen war der Wachstumsring des Jahres 1699 vollständig ausgebildet. Ein Ring für die folgende Vegetationsperiode fehlte. Auch lebende Bäume, die das Ereignis überstanden hatten, zeigten in den Jahren unmittelbar danach Störungen ihres Wachstums.
Der Wald war also nach dem Sommer 1699 und vor Beginn der nächsten Wachstumsperiode gestorben.
Aus „ungefähr vor dreihundert Jahren“ wurde der Winter 1699/1700. (Nature)
Nun lagen zwei ungewöhnliche Befunde vor. In Nordamerika gab es ein großes Erdbeben mit Küstenabsenkung und Tsunami irgendwann im Winter 1699/1700. In Japan war im Januar 1700 ein Tsunami eingetroffen, dem kein örtliches Beben vorausgegangen war.
Kenji Satake und seine Kollegen stellten 1996 die entscheidende Frage: Konnte es sich um dasselbe Ereignis handeln?
Sie untersuchten die japanischen historischen Aufzeichnungen, rekonstruierten Ankunftszeiten und Wellenhöhen und berechneten mit Tsunamimodellen mögliche Ursprungsgebiete. Ein großes Beben an der Cascadia-Subduktionszone konnte eine Welle erzeugen, die in der richtigen Größenordnung und zur richtigen Zeit Japan erreichte. Andere bekannte Erdbebenquellen passten deutlich schlechter. Die Modellierung deutete auf ein Ereignis von ungefähr Magnitude 9. (Nature)
Nun konnte die Welle gewissermaßen rückwärts über den Pazifik verfolgt werden.
Ein Tsunami benötigt von Cascadia bis Nordjapan ungefähr zehn Stunden. Japanische Berichte verorten große Wellen um Mitternacht. Rechnet man Laufzeit und damalige Zeitangaben zurück, landet man an der nordamerikanischen Küste am Abend des 26. Januar 1700, ungefähr gegen 21 Uhr Ortszeit.
Diese Uhrzeit ist kein Augenzeugenprotokoll aus Nordamerika. Sie ist eine Rekonstruktion. Der ausführliche USGS-Bericht weist ausdrücklich darauf hin, dass das Beben auch einige Stunden früher stattgefunden haben könnte, falls die in Japan beschriebenen großen Wellen nicht die ersten eintreffenden Wellen waren. Der 26. Januar selbst ist wesentlich robuster abgesichert als eine minutengenaue Uhrzeit. (dggs.alaska.gov)
Damit erhielten die toten Wälder ein Datum und der japanische Tsunami einen Ursprung.
Gerade darin liegt das Außergewöhnliche dieser Rekonstruktion. Am Ort des Erdbebens existierte kein Seismogramm und keine zeitgenössische schriftliche Aufzeichnung, aus der sich Datum und Stärke unmittelbar ablesen ließen. Die genaue historische Spur lag dort, wo das Erdbeben selbst nicht zu spüren gewesen war: auf der anderen Seite des Pazifiks.
Auch indigene Überlieferungen aus Cascadia enthalten Berichte über starke Erschütterungen, Überflutungen und zerstörte Küstensiedlungen. Forscher haben solche Traditionen mit archäologischen und geologischen Befunden verglichen. Sie liefern wichtige zusätzliche Hinweise auf große Küstenkatastrophen, lassen sich jedoch nicht einfach wie ein Kalender auf den 26. Januar 1700 datieren. Für die präzise Zuordnung des letzten großen Ereignisses war die Verbindung aus Geologie, Baumringen und japanischen Schriftquellen entscheidend. (Geoscience World)
Auch heute sind damit nicht sämtliche Einzelheiten geklärt. Lange wurde das Ereignis meist als einzelner, ungefähr tausend Kilometer langer Bruch nahezu der gesamten Cascadia-Subduktionszone beschrieben. Neuere Modellierungen haben geprüft, ob einige geologische Spuren stattdessen zu einer Folge mehrerer großer Beben gehören könnten. Eine 2025 veröffentlichte Untersuchung, die japanische Tsunamidaten, Küstenabsenkungen und Tsunamiablagerungen gemeinsam modellierte, fand insgesamt eine bessere Übereinstimmung für Modelle eines großen, weitreichenden Einzelereignisses. Die genaue Verteilung der Verschiebung entlang der Plattengrenze bleibt dennoch Gegenstand der Forschung. (USGS)
An der Grundgeschichte ändert diese Unsicherheit wenig.
Im Winter 1700 sank an der nordamerikanischen Pazifikküste Land ab, Wälder starben, und ein großer Tsunami überquerte den Ozean. Rund zehn Stunden später erreichten seine Wellen Japan. Dort schrieben Menschen auf, was sie sahen, ohne wissen zu können, was Tausende Kilometer entfernt geschehen war.
Fast drei Jahrhunderte später lasen Geologen das andere Ende derselben Nachricht in toten Bäumen und begrabenen Böden.
Das Meer hatte Ursache und Wirkung über einen Ozean getrennt.
Die Wissenschaft brachte sie wieder zusammen.
