Vor einem Kea stehen zwei durchsichtige Gefäße mit verschieden vielen Holzmarken. Einige Farben sind mit einer Futterbelohnung verbunden, andere nicht. Ein Mensch greift verdeckt hinein und entnimmt eine Marke. Der Vogel muss wählen, aus welcher Hand er lieber eine Marke bekommt. Der entscheidende Unterschied liegt im Verhältnis von Gewinnmarken zu Nieten.
Amalia Bastos und Alex Taylor untersuchten 2020 sechs männliche Keas, neugierige Papageien aus Neuseeland. Die Tiere orientierten sich in mehreren Aufgaben an den relativen Häufigkeiten der Marken. Dabei reichte es in Kontrollaufgaben nicht aus, einfach die absolute Anzahl einer bestimmten Farbe zu bevorzugen. In einer weiteren Versuchsreihe versperrte eine Trennwand den Zugang zu einem Teil der Marken. Die Keas berücksichtigten dann vor allem den erreichbaren Teil. Auch Hinweise darauf, dass eine experimentierende Person nicht zufällig auswählte, beeinflussten ihre Entscheidungen.
Der Versuch zeigt, dass die Tiere bei einigen Aufgaben mehrere Informationsarten zusammenführen können: Mengenverhältnisse, räumliche Einschränkungen und das Verhalten eines Menschen. Man sollte ihnen deshalb aber kein bewusstes Prozentrechnen zuschreiben. Die Forschenden untersuchten beobachtbare Auswahlentscheidungen, keine inneren Rechenformeln.
Die Studie erhielt noch im selben Jahr eine wichtige Ergänzung. Beim Prüfen von Videoaufzeichnungen bemerkten die Autoren, dass bei einigen Versuchen einzelne Marken zwischen den Fingern sichtbar gewesen sein könnten. Sie werteten betroffene Durchgänge erneut aus und ergänzten eine Kontrolle auf unbeabsichtigte Hinweise der Versuchsleiter. Nach diesen Prüfungen hielten sie an ihrer zentralen Schlussfolgerung fest. Diese Nachprüfung gehört zum Befund dazu und sollte nicht weggelassen werden.
Der Kea zeigt, wie anspruchsvoll eine Entscheidung ohne Zahlen und Symbole sein kann. Wo wir auf ein Glas zeigen und „größere Chance“ sagen, muss er aus sichtbaren Mengen und der Versuchssituation eine passende Wahl ableiten.
Sechs trainierte männliche Keas; keine Behauptung expliziten Prozentrechnens. Das Addendum vom Juni 2020 dokumentiert mögliche sichtbare Marken und ergänzende Kontrollversuche; es ist unten mitverlinkt.
Datenstand: Studie 2020; Quellenabgleich 21.10.2026
Versuchsaufbau und Zahlen
2020: 6 Keas; Beispiel aus Versuchsbedingung 100 Gewinnmarken + 20 Nieten vs. 20 Gewinnmarken + 100 Nieten, also 83,3 % vs. 16,7 %. Zahlen gelten für die Beispielanordnung, nicht als beobachtete Erfolgsquote. Addendum Juni 2020.
Das ergänzende Experiment oder Schaubild ist mit JavaScript verfügbar.
