Wer durchs Wasser schwimmt, hinterlässt Bewegungen, die nach dem Vorbeiziehen nicht sofort verschwinden. Kleine Wirbel und Strömungsunterschiede bleiben eine Weile bestehen. Seehunde haben dafür einen erstaunlich empfindlichen Sinn: ihre langen Barthaare, die sogenannten Vibrissen.
Schon 2001 zeigte ein Forschungsteam um Guido Dehnhardt, dass Seehunde mit verdeckten Augen künstlichen Wasserwirbeln folgen konnten. Ein kleines Unterwasserfahrzeug hatte zuvor eine gewundene Bahn durch ein Becken gezogen. Der Seehund schwamm auf dieser Spur und folgte den Richtungsänderungen. Wurden die Barthaare durch eine Abdeckung in ihrer Bewegung behindert, gelang die Spurensuche nicht mehr.
In einer späteren Studie von Sven Wieskotten und Kollegen aus dem Jahr 2010 ging es um eine besonders genaue Frage: Wie lange bleibt die Richtung einer Bewegung noch erkennbar? Eine künstliche Flosse wurde nach links oder rechts durch Wasser bewegt. Ein Seehund, der das Geschehen nicht sehen konnte, musste anschließend anzeigen, in welche Richtung sie geschlagen hatte. Das gelang selbst bei einer bis zu 35 Sekunden alten Spur.
Der Seehund liest dabei keine fertige Linie im Wasser. Die Vibrissen reagieren auf winzige Geschwindigkeitsunterschiede und Wirbelstrukturen. Die Forschenden maßen diese Strömungen mit bildgebenden Verfahren, um zu bestimmen, welche Hinweise dem Tier überhaupt zur Verfügung standen.
Die Experimente liefern eine Erklärung, weshalb Seehunde selbst in dunklem oder trübem Wasser Beute finden können. Sie zeigen jedoch nicht, dass jeder Seehund jeder Fischspur über beliebige Entfernungen folgt. Das Experiment mit den 35 Sekunden verwendete eine künstliche Flosse und untersuchte ein trainiertes Tier.
Bemerkenswert ist schon diese kontrollierte Leistung: Eine Bewegung ist längst vorbei, doch ihre Richtung ist für den Seehund noch in den Veränderungen des Wassers enthalten.
Die 35-Sekunden-Grenze stammt aus einem Richtungstest mit künstlicher Flosse und einem trainierten Seehund; nicht mit dem längeren Spurfolgen des Unterwasserfahrzeugs von 2001 vermischen.
Datenstand: Studie 2010; Quellenabgleich 21.10.2026
Versuchsaufbau und Zahlen
2001: blindes Folgen einer künstlichen U-Boot-Spur mit Barthaarkontrolle; 2010: Richtungsunterscheidung bei bis zu 35 s alten Spuren. Kein direkter Beleg für allgemeine 35 s oder bestimmte Jagddistanz in Freiheit.
Das ergänzende Experiment oder Schaubild ist mit JavaScript verfügbar.
