Hinter einer durchsichtigen Abtrennung wartet Futter. Ein Teil davon wäre sofort erreichbar, der bevorzugte Happen aber erst nach einer gewissen Wartezeit. Bei sechs Sepien prüfte ein Forschungsteam um Alexandra Schnell, wie die Tiere sich in dieser Entscheidung verhalten.
Die 2021 veröffentlichte Studie beschreibt eine Aufgabe, bei der die Sepien auf eine hochwertigere Belohnung warteten, obwohl eine weniger attraktive Beute früher verfügbar gewesen wäre. Einzelne Tiere hielten die Verzögerung über 50 bis 130 Sekunden durch. Die Forscherinnen und Forscher ergänzten das Experiment um Lernaufgaben: Dabei mussten die Tiere erst eine Regel über visuelle Zeichen lernen und anschließend auf eine umgekehrte Regel reagieren. Die Sepien, die länger warten konnten, schnitten in der Lernaufgabe besser ab.
Für einen Menschen sind zwei Minuten keine außergewöhnliche Geduldsprobe. Unter Wasser bedeutet der Versuch aber eine verlockende Entscheidung zwischen sofort erreichbarer Nahrung und einer besseren Aussicht später. Dass ein wirbelloses Tier diese zeitliche Abwägung in kontrollierten Tests bewältigt, stellt einfache Vorstellungen von tierischem Verhalten infrage.
Das Experiment erinnert an den bekannten Belohnungsaufschub bei Kindern, wird deshalb manchmal als „Marshmallow-Test für Tintenfische“ bezeichnet. Die Ähnlichkeit ist jedoch begrenzt. Sepien haben andere Lebensbedingungen, andere Motivationen und andere bevorzugte Nahrung. Warten kann bei ihnen auch mit Strategien des Nahrungserwerbs zusammenhängen. Außerdem waren es nur sechs untersuchte Tiere, keine repräsentative Stichprobe sämtlicher Sepien.
Aussagekräftig ist deshalb die beobachtete Leistung, nicht eine angeblich identische Willenskraft wie bei Menschen. Einige Sepien verzichteten im Versuch zeitweise auf die schnelle Mahlzeit und gewannen dadurch Zugang zur besseren. Dass solche Entscheidungen in ganz unterschiedlich gebauten Nervensystemen vorkommen können, ist die eigentliche interessante Entdeckung.
Sechs subadulte Tiere in einer spezifischen Futter-Aufgabe; 50–130 s Wartezeit, keine universelle Fähigkeit sämtlicher Kopffüßer; Korrelation mit Lernaufgabe, keine Kausalität.
Datenstand: Studie 2021; Quellenabgleich 21.10.2026
Versuchsaufbau und Zahlen
Schnell et al. 2021; n=6; 50–130 s; verzögerte bevorzugte Futterqualität; experimenteller Belohnungsaufschub, nicht direkt menschlicher Marshmallow-Test.
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